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Dez 01

Inklusion – Dein Mitleid brauch ich nicht!

trisomique homme

Die haben doch nichts zu lachen!

Neulich sah ich in einer Zeitschrift einen wundervollen Cartoon von Philipp Hubbe auf dem eine Gruppe von Menschen mit Behinderung abgebildet war, die fröhlich lachte, Blödsinn machte und Spaß hatte. Die Menschen waren zusammen zu einem Foto aufgestellt und der Fotograf sage: „Bitte etwas ernster und trauriger, Sie sind doch schließlich behindert.“ Ich finde, der Cartoon spricht an, was viele Menschen empfinden oder denken: Haben Menschen mit Behinderung oder auch chronisch psychisch kranke Menschen etwas zu lachen? Dürfen diese Menschen lachen und Spaß haben und ihr Leben in vollen Zügen genießen? Ja, sagen sie ganz spontan. Jedoch habe ich sowohl während meiner Arbeit im Frauenhaus oder bei meiner aktuellen Arbeit mit chronisch psychisch kranken Menschen andere Erfahrungen gemacht. Es ist die Haltung des Mitleids über meine Klienten, die mir von meinen Mitmenschen ab und an entgegenschlägt, Aussagen wie: „Die armen Frauen!“, oder „die armen kranken Menschen, wie Du so eine Arbeit nur machen kannst?“.

Ich weiß wie es Dir geht und was gut für dich ist!

Mitleid, eine Haltung die impliziert, dass Menschen Hilfe und Unterstützung von uns benötigen, bedauernswert sind und Schutz brauchen. Eine Haltung, die meiner Meinung nach bedenklich ist, weil sie sich über den Klienten der Sozialen Arbeit stellt, der gewisse gesellschaftliche Erwartungen zu erfüllen hat, da er ja nicht zuletzt von „unseren“ Steuergeldern lebt und nichts arbeitet, was mir als Sozialpädagogin schon oft „unter die Nase gehalten“ wurde.

Inklusion bedeutet Beziehung von Mensch zu Mensch

Aus meiner Sicht ist es jedoch unbedingt notwendig, wenn wir als Gesellschaft den Anspruch haben Menschen am Rande der Gesellschaft tatsächlich zu inkludieren, Menschen in Lebenskrisen, Kranke, Behinderte oder die einfach „irgendwie“ ANDERS sind als „wir“, auf Augenhöhe zu begegnen, sie zu respektieren und ihnen ihre Selbstbestimmtheit, Eigenständigkeit und ihr Selbstwertgefühl zu lassen, ihre menschliche Würde. Keine Angst zu haben vor einer echten Beziehung zu Menschen, die Anders sind als „wir“ (oder sind wir anders als sie?), da Mitleid noch keinem Menschen geholfen hat, sondern ihn klein macht, ihn in eine Abhängigkeit, Unmündigkeit, Versorgung und Resignation führt, die ihm es unmöglich macht, sein Leben zu leben und es so weit wie möglich selbst in die Hand zu nehmen.

Inklusion muss in den Herzen erfolgen und Angst überwinden

Vielleicht sollten wir uns die Aussage unseres ehemaligen Bundespräsidenten, Friedrich von Weizsäcker, zu Herzen nehmen, wenn wir Menschen begegnen: „Es ist normal, verschieden zu sein. Es gibt keine Norm für das Menschsein.“ Denn: In jedem Anders-Sein meiner Mitmenschen liegt eine Botschaft für mich, die mein Leben bereichert, mir Menschlichkeit, Tiefe, Sensibilität und Lebensfreude bringt.

 

Margit List, 01.12.2014